Geldschneiden mit Geldschneidern

Bereits in der Bibel gibt es den Saulus, der sich zum Paulus wandelt. Wer hätte gedacht, dass sich diese Geschichte in der Neuzeit bei den Rundfunkbeiträgen wiederholen könnte. Zumindest wird ein solcher Eindruck vermittelt.

Am ersten Tag der CeBIT in Hannover wuselte ein fleißiges Männlein durch die Hallen und verteilte einen Flyer mit dem unheilschwangeren Titel «Immer noch zu viel Rundfunkbeitrag?» Aufgeklappt wird die Aussage konkreter: «Haben Sie das Gefühl, dass Sie oder Ihr Unternehmen zu viel Rundfunkbeitrag bezahlen?»

Wie blöd darf eine Frage sein? Jedes Unternehmen wird diese Frage ohne Griff zum Taschenrechner mit «aber klar doch» beantworten. Allein schon deshalb, weil schwer bis gar nicht nachvollziehbar ist, weshalb ein Unternehmen für etwas Unbestelltes und aus unternehmerischer Sicht Wertloses bezahlt, für das bereits jeder Mitarbeiter bezahlt hat. Bei klarem Verstand muss dem Rundfunkbeitrag für Gewerbe und Institutionen die Berechtigung in Abrede gestellt werden. Denn Sehen und Hören von öffentlich-rechtlichem Rundfunk ist eine typisch menschliche Eigenschaft, die bereits mit der Wohnungssteuer an den Beitragsservice fürstlich entlohnt wird. Warum Beitragszahler nochmals abkassiert werden, alleine, weil sie einen Arbeitsplatz haben, oder (zwecks weiterer Einnahmesteigerung) in einem Firmenwagen sitzen, ist ein typisch verwaltungsrechtlicher Kniff zur Einnahmesteigerung ohne Mehrwert. Jedenfalls für die Zahlenden.

Daher ist die Ausgangsfrage des Flyers eine eher tumbe. Das geschundene Papier offenbart dann in einem marineblauen Kästchen das eigentliche Begehr: „Für unsere Beratungsleistung erstellen wir Ihnen gern ein individuelles Angebot“. Was übersetzt so viel heißt wie: Wir lassen uns dafür entlohnen, dass wir den Rundfunkbeitrag ausrechnen. Grundsätzlich ist die Entlohnung von Leistung mit Geld völlig in Ordnung. Es drängt sich allerdings die Frage auf, was denn dabei herausspringen soll. Zumindest für diejenigen, die einen IQ oberhalb eines Toastbrotes haben und deshalb mit der Bedienung des Beispielrechners und dem Lesen der Regularien auf der Beitragsservice-Seite nicht überfordert sind. Selbst wenn dabei mangels kreativer Nutzung der Möglichkeiten der ein oder andere Cent mehr als nötig ermittelt wird, dürfte es — mutmaßlich — günstiger als die Anforderung eines Dienstleisters für diese Tätigkeit sein. Und falls es etwas komplizierter wird, macht man es halt wie die Stadt Köln und zahlt einfach nichts. Soll doch der Beitragsservice ermitteln, was er haben will. Die haben sich das so krude ausgedacht, also müssen sie es auch berechnen können.

Bemerkenswerterweise entpuppt sich der Anbieter dieser — aus unserer Sicht fragwürdigen — Dienstleistung auf seiner Webseite als bekennender ehemaliger GEZ-Handlanger. Dem sind offenkundig aufgrund des neuen Beitragsmodells die Prämien abhanden gekommen. Er rühmt sich in seiner Vita, er sei „ Praxistrainer für Außendienstmitarbeiter im Auftrag der Abteilung Rundfunkgebühren des Norddeutschen Rundfunks“ gewesen. Das wirft zwangsläufig die Frage auf, weshalb jemand nach offenbar langjährig erfolgreicher Zusammenarbeit seinem Sponsor in die Hand beißt. Nach einer weiteren Sekunde drängt sich die Frage auf: „... und wenn er das gar nicht macht?“

Offiziell gibt es keine GEZ-Beitreiber mehr. Aber die ebenfalls in der Vita ausgewiesene 22-jährige Betätigung als GEZ-Vasall des NDR legen zumindest nah, dass sich da jemand beim Mitbürger ausspionieren ziemlich wohl gefühlt haben muss. GEZ-Gebührenbeauftragte kamen in der Unbeliebheitsskala der Bevölkerung noch weit vor Zahnschmerzen. Aber Petze sein war lukrativ, es gab unseres Wissens 40% Prämie auf die Nachzahlungssumme. Ein einträgliches Skalphonorar. Worin liegt der persönliche Lustgewinn, wenn es jetzt ums Einsparen bei denen gehen soll, die jahrelang Beute waren? Die potenziellen Einsparungen lassen nur bei wirklich strunzdummen Firmen einen vergleichbar erfolgreichen Raubzug erwarten. Läge die Einsparung unter den Servicekosten für die angebotene Dienstleistung, wäre es noch bekloppter. Aber selbst das lässt sich noch toppen.

Es könnte nämlich womöglich um einen prima Einblick in die Unternehmen gehen. Denen teilt der Kostenoptimierer nach Prüfung mit, dass bisher viel zu wenig gezahlt wurde. Im Rahmen der Vollmacht für den Rundumservice wurde — natürlich — gleich eine ordnungsgemäße Meldung an den Beitragsservice gemacht und das Nachzahlungsformular ausgefüllt. Dumm gelaufen, aber wenn es halt nunmal so ist, dann ist das eben leider Mist. Dafür werden abschließend X-Euro zzgl. Mwst. Bearbeitungshonorar fällig. War ja eine kostenpflichtig vereinbarte Dienstleistung. Weil dieser Kunde auf absehbare Zeit verbrannt ist, könnte ein Extrabonus helfen, beispielsweise ein Beratervertrag beim Beitragsservice. Sehr gern erfolgsorientiert, das hat ja jahrelang prima und vertrauensvoll funktioniert. Einziger Beratungsgrund ist die Vermittlung von Unternehmen, die bisher zu wenig bezahlt haben. Welches Bonuskonzept gelten könnte, ist eher sekundär. Es wäre jedoch überraschend, gäbe es auf Grund der vorhandenen langjährigen Erfahrungen mit den Rundfunkgebühren-Beauftragten keins.

Dann wäre das beauftragende Unternehmen doppelt abgezockt: Vom Beitragsservice und vom Paulus, der womöglich doch ein Saulus ist. Einfach, weil´s ein paar Silberlinge mehr bringt und beim Beitragsservice unter „externe Beratungsleistungen“ verbucht werden könnte. Die Beitragszahler also auch noch die gegnerische Seite finanzieren. Zynischer ginge es kaum.

Wir betonen: Wie es sich wirklich verhält, wissen wir nicht. Wir können lediglich das Geschäftsmodell nicht nachvollziehen, da alles für die Beitragsermittlung Erforderliche gut zugänglich ist. Der Umstand, dass in den nächsten Tagen die Klagen einiger großer Beitragszahler beginnen, legt den Schluss nah, dass die Einsparpotenziale außerordentlich begrenzt sein müssen. Für eine erfolgreiche Klage haben die klagenden Unternehmen sicher den günstigsten Satz ermittelt, zwecks Vermeidung vermeintlicher Einsparpotentiale auf der Grundlage von öffentlich-rechlicher Rechenakrobatik des gegnerischen Anwalts. Was übrig blieb war offenkundig zwar dem Vertragstext nach rechtens, aber signifikant jenseits des eingeplanten Budgets. Ansonsten wäre eine Klage sinnfrei. Wobei wir es eher mit den Unternehmen halten und davon überzeugt sind: Klagen lohnt. Womöglich eher als eine Dienstleistung, mit der man sich in sein Schicksal ergibt.

Schlussbemerkung: Wir haben hier bewusst keinen Link zur beschriebenen Dienstleistung gesetzt oder Suchfähiges (von den Originalzitaten abgesehen) angegeben. Einerseits, damit erst gar nicht der Eindruck entstehen kann, wir fänden das womöglich sinnvoll. Andererseits, weil wir kein Steigbügelhalter für Suchdienste sein wollen, die von unserer Seite einer vermeintlichen Empfehlung folgen. Denn das sind Links üblicherweise. Auf Nachfrage über das Kontaktformular erbringen wir jedoch gern den Beweis, dass wir uns das nicht ausgedacht haben.

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Sie müssen Cookies zulassen, wenn Sie kommentieren möchten.